Unter den vielen schlechten Nachrichten der vergangenen Tage gab es dann doch eine so richtig erfreuliche. Nämlich, die, dass der aus Japan stammende Brite Kazuo Ishiguro den Literaturnobelpreis gewonnen hat. Ishiguro zähle ich persönlich zu meinen absoluten Lieblingsautoren. Er erzählt so präzise wie sensibel, ganz ohne Pathos und dennoch ungemein gefühlvoll. Romane wie „Alles, was wir geben mussten“ treffen mitten ins Herz. Die Auszeichnung ist eine hervorragende Gelegenheit, ihn neu oder wiederzuentdecken. Zum Beispiel sein 2015 erschienenes Meisterwerk „Der begrabene Riese“.

Der Roman spielt im England des sechsten Jahrhunderts, einer uns scheinbar unendlich fernen Welt. Zumal der Text Züge von Fantasy-Literatur trägt und Motive der Artussage aufnimmt. Leute wie ich würden an dieser Stelle eigentlich zurückschrecken. Das Fantasy-Genre mag ich überhaupt nicht, aber bei Ishiguro sind solche Einteilungen vollkommen nebensächlich. Sein Buch „Alles, was wir geben mussten“ etwa müsste man als Science-Fiction bezeichnen. Doch denkt man beim Lesen eher an Schriftsteller „der Seele“ wie Virginia Woolf als an harte Sci-Fi-Autoren. Kurzum, die phantastischen Elemente sind wirklich Nebensache. Und dienen dazu, die wirklichen Themen besser herauszuarbeiten. Es geht in „Der begrabene Riese“ um das Leben und Sterben, um Krieg und Frieden, die Liebe sowie den Segen und Fluch von Erinnerung.

Ein altes Ehepaar, Axl und Beatrice, lebt zu Beginn von „Der begrabene Riese“ in einem kleinen Dorf in Britannien. Über dem Land liegt ein seltsamer Nebel, der die Menschen dem Vergessen unterwirft. Alles, was je gewesen ist, verschwimmt in der Erinnerung der Bewohner. Dennoch meinen sich die beiden an einen gemeinsamen Sohn zu erinnern, der vor vielen Jahren aus ihrer Siedlung fortgegangen ist. Sie machen sich zu Fuß auf die Suche nach ihrem verlorenen Sohn und treffen bei ihrer Wanderung auf alle möglichen Seltsamkeiten. Darunter den Ritter Gawain (den aus Artus‘ Tafelrunde). Der behauptet, einen Drachen zu suchen, der schuld an dem unglückseligen Nebel sein soll. Wie die Erinnerungen von Ishiguros Figuren sich im Nebel auflösen, so verschwimmen auch die Vermutungen und Gewissheiten des Lesers. Über Axl, über Gawain, über die Beziehung des Paares und über den Nebel. Hat jener wirklich Unheil gebracht oder nicht sogar Segen. Hilft das Erinnern oder treibt es uns in Wut und Hass? Der „begrabene Riese“ erscheint am Ende als großartige Allegorie. Und die Beziehung zwischen Axl und Beatrice ist so wunderbar und zart erzählt, dass diese beiden Alten eigentlich zu den großen tragischen Paaren der Weltliteratur gezählt werden müssen. Vergessen tut man dieses Buch über das Erinnern mit Sicherheit nicht.

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