Was können wir tun? Mahatma Gandhi reloaded

Was können wir tun, um etwas zu ändern? Hässliche Zeiten gerade. Allüberall scheinen Wellen der Aggression loszuschlagen und sich nach und nach zu einem wogenden Meer des Hasses zu vereinen. Dass man sich ausgerechnet jetzt auf jemanden wie Mohandas Gandhi besinnt und seine Lehre der Gewaltlosigkeit, das scheint fast umöglich. Da kommt ein kleines, feines Buch gerade zur rechten Zeit. „The Gift“ von Gandhis Enkel Arun umfasst in simpel erzählter Form zehn spirituelle Lehren des Mahatma Gandhi, der „Großen Seele“ – fruchtbar gemacht für das heutige Leben. Hier in Deutschland heißt der Band „Wut ist ein Geschenk“. Übersetzt hat den Text die Schriftstellerin Alissa Walser. Ob auf Englisch oder Deutsch – dieses Buch sollte man lesen (Beitragsbild: Mathilda Napp).

Gandhi verehrten schon meine Eltern. Als Jugendliche las ich dann auch prompt seine Biographie, aber irgendwie empfand ich diesen schmalen kahlköpfigen Mann aus Indien, nur in Tuch und Sandalen gekleidet, als seltsam. Der phantastische Gandhi-Film mit Ben Kingsley brachte dann die große Wende und ein tiefes Verständnis für die Lebensleistung dieses Mannes, der Friedfertigkeit mit Unbeugsamkeit in seinen Überzeugungen verband. Und fast aus dem Nichts nur durch die Strahlkraft seiner Ideen Millionen von Menschen mobilisierte.

Obwohl bis heute viele Politiker oder Aktivisten Gandhi als Vorbild bezeichnen, ist seine Person doch ziemlich in die Ferne gerückt. In Zeiten von Social Media und dem dadurch verstärkten groben Populismus wirkt er mit seiner Lehre der radikalen Toleranz, Gewalt- und Besitzlosigkeit beinahe weltfremd. Sein Enkel Arun hat als Kind und Jugendlicher viel Zeit im Ashram des Großvaters und mit diesem auf Reisen zugebracht. Und er versteht es perfekt, die Überzeugungen Gandhis herunterzubrechen für den Alltag eines jeden.

Dass man Wut nicht unterdrücken soll, sondern auf positive Weise kanalisieren kann, ist eine der Lektionen des Buches. Wut, das meinte der Mahatma, sei schlicht menschlich und unvermeidbar. Es sei eher kontraproduktiv, ihr auszuweichen. Doch innezuhalten statt loszuschreien, zu überlegen, woher der Ärger komme und was man dagegen unternehmen könne, das sei durchaus „drin“. Seinem Enkel gab er dafür eine simple Übung, eine Art kleine Meditation. Das sollte ihm helfen, Distanz zu der eigenen Wut zu entwickeln. Statt Hass kann Ärger am Ende Energie erzeugen. Was für eine wunderbare Vorstellung! Wenn die zahlreichen „Hater“ auf Facebook ein paar Minuten auf den inneren „Stop“-Knopf drücken würden statt unmittelbar ihre Kommentare in die Welt zu blasen. Oder wenn Donald Trump ein paar Mal Luft holen könnte, bevor er seine irren Tweets verfasst.

Gandhis kompromissloses Verhältnis zur Wahrheit könnte nicht nur Trump, sondern eigentlich den meisten von uns zu einem besseren Dasein verhelfen. Für ihn beschädigten auch die kleine Lügen, mit denen man sich so oft durchlaviert, das Lebensglück.

Abfall betrachtete der Mahatma als eine Art passive Gewalt gegen die Welt. Er selbst war bekannt dafür, dass er selbst auf gebrauchten Briefumschlägen noch jedes Fitzelchen Platz nutzte. Am Beispiel eines achtlos weggeworfenen Bleistifstummels erklärte er dem Enkel den Wert einer jeden Sache. Ein bisschen Verschmitztheit gehörte bei seinen Lektionen dazu. Und die machte es für Arun viel leichter, dem Großvater zu folgen. Der legendäre Gandhi war selbst kein Heiliger und wusste um seine menschlichen Schwächen nur zu genau. Die vielen Anekdoten, mit denen Arun Gandhi sein Buch würzt, bringen einem den Menschen Gandhi nahe. Rücken ihn und seine Lehren wieder heran. Und zeigen, das vieles möglich ist. Auch aus kleinen Veränderungen kann großes entstehen. Für mich heißt das: Üben, üben, üben. Schließlich wird auch folgender Satz Gandhi zugeschrieben: „Be the change you wish to see in the world“.