Mein Mann macht es, mein Sohn macht es, mein Tennis-Trainer sowieso, und meine Tochter wurde heute sogar in der Schule darin geprüft: Hochintensitätstraining, kurz auch HIT. Angefangen hat es in den 1990er-Jahren mit einem japanischen Wissenschaftler namens Izumi Tabata, der in einer Studie belegte, dass ein kurzes intensives Intervall-Training zu besseren Trainingsergebnissen und einer stärkeren Fettverbrennung führte als das klassische lange Ausdauertraining. Inzwischen gibt es zahlreiche Varianten für solche kurzen hochintensiven Trainingseinheiten. Ich fand mich schon vorher eigentlich ziemlich sportlich und dachte, ich hätte so etwas nicht nötig. Jetzt bin auch ich gekippt und seit 21 Tagen nun ein Free-Athlete.

 

Ich habe mich bei dem wahrscheinlich populärsten HIT-Training „Freeletics“ online angemeldet und trainiere nun ächzend mit hochrotem Kopf, quäle mich durch Sit-ups auf der Matte, laufe wie eine Verrückte durch mein Arbeitszimmer und den Flur hin und her, hüpfe in Hampelmann-Manier, mache mich – kurz gesagt – ziemlich zum Affen. Das alles drei- bis viermal in der Woche nach einem Plan, den mir ein virtueller kostenpflichtiger „persönlicher“ Coach erstellt (Kommentar meiner Kinder: „Schön doof, Mama, Du kannst dir die App doch kostenlos laden und alleine trainieren“). Freeletics ist ziemlich gut gestaltet – die Übungen werden von toll aussehenden, athletischen, sehr schlanken und auf keinen Fall überbemuskelten Menschen präzise vorgemacht. Dazu gibt es Regeln und Hinweise für die korrekte Ausführung. Man kann das Training überall machen, braucht nur wenig Platz und muss nicht irgendwohin fahren. Alles sinnvoll und gut, wenn nur nicht das nervige Punktesystem wäre. Für jede neue Trainingseinheit gibt es Punkte. Man hangelt sich so von Level zu Level nach oben, kann sich mit Freunden vernetzen und kreiert so wahrscheinlich einen Irrsinns- Stress im eigenen Leben, indem man von vermeintlichem Rekord zu Rekord hetzt. Was natürlich dazu verführt, die Übungen schnell und schludrig auszuführen. Meine Pilates-Trainerin mahnte sofort, dass Internet-Training ohne „Fremdkontrolle“ zu Verspannungen, Fehlhaltungen und üblen Zerrungen führen könne. Mir erlaubte sie es dann aber doch, weil sie meinte, ich könne mich inzwischen einigermaßen selbst kontrollieren. Wofür mache ich schließlich seit über 15 Jahren Pilates und seit 10 Jahren Yoga? Ich ignoriere jetzt das Punktesystem und vernetze mich auch nicht mit anderen „freien Athleten“. Mega-anstrengend ist es trotzdem. Zuerst geht es soft los, und man wiegt sich in Sicherheit. Spätestens bei den ersten 100 Crunches (tückischen Bauchübungen) am Stück wird es heikel. Und damit ist man noch lange nicht bei den höllischen Komplettprogrammen wie Nyx oder Hera angekommen. Aber ich bin insgesamt tatsächlich deutlich fitter geworden. Ich bleibe also dran – egal wie dämlich es aussieht. Dafür schnaufe ich schon sehr viel weniger beim Tennis und beim Laufen – das ist es mir allemal wert (Bild: © Everett Collection/Shutterstock).

 

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